Hätte Telekom Freitod verhindern können?

Telekommunikation   Admin Funatiker    27.2.2010, 22:03 Uhr  

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Nachdem die Deutsche Telekom nicht die Identität eines Forennutzers, der seine Selbsttötung ankündigte, offenbarte, erstattete die Polizei Nordrhein-Westfalens eine Strafanzeige. Die Telekom begründet ihr Verhalten mit einem Verweis auf den Datenschutz und darauf, dass die laut Telekommunikationsgesetz nötige Bedrohung für Leib und Leben nicht nachweisbar gewesen sei, da die Ernsthaftigkeit der Ankündigung von den Mitarbeitern als fraglich wahrgenommen worden sei. Die Polizei spricht unterdessen von unterlassener Hilfeleistung, da der Nutzer aufgrund der verweigerten Herausgabe der Daten erst nach seinem Tod ausfindig gemacht werden konnte.

Quellen und weitere Informationen:
meta.tagesschau.de
tagesschau.de

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1) Admin skoch schrieb am 27.2.2010 um 22:35 Uhr:

Ich stimme der Telekom in diesem Fall zu. v.a. wenn die Polizei den Freitod verhindern will, dann hätte es meines Erachtens nicht so viel Sinn, weil der Hilferuf nicht bei den richtigen ankäme. Wenn es ein Hilferuf gewesen sein sollte, dann hat derjenige wohl eher auf Zivilisten gewartet, die ihm helfen.

Ebenso könnte man sagen: Hätte die Bahn einen Freitod verhinden können, wenn sie langsamer fahren würde? Hätte das Bauunternehmen einen Freitod verhinden können, wenn es die Brücke nicht so hoch gebaut hätte?

2) BPhoenix schrieb am 27.2.2010 um 22:40 Uhr:

Ist es nicht gar so, dass jemand der sich aus freien Stücken selbst töten will gar nicht daran gehindert werden darf dies zu tun solange er andere dabei nicht gefährdet?

3) Admin Funatiker schrieb am 27.2.2010 um 22:55 Uhr:

BPhoenix, wäre dies so, würden keine Polizeipsychologen per Megaphon auf Dächern stehende zur Selbsttötung bereite Mitbürger zu Weiterleben überreden. Ich glaube, dass die Polizei in jedem Fall die Aufgabe hat, Tod und körperliche Beeinträchtigung zu verhindern?

Ich finde den Vergleich mit Bahn und Bauunternehmen nicht richtig, da zum Zeitpunkt der Planung die Bedrohung noch nicht feststellbar ist. Wenn jedoch ein Selbstmord aktiv angekündigt wird, ist die Gefahr ja offensichtlich.

Stefan, in welchem Punkt stimmt du der Telekom zu: Datenschutz oder nicht zu erkennende Ernsthaftigkeit?

4) NCC1701 schrieb am 27.2.2010 um 23:05 Uhr:

@Stefan na ja die vergleiche hinken jetzt etwas sowohl der Bahn als auch der Brückenbauer haben ein Stück weit aktiv auf den Tod eingewirkt die Telekom war in dem Fall eigentlich nur für die Übermittlung zuständig. Trotzdem finde ich auch das die Telekom richtig gehandelt hat. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen das das alles noch rechtzeitig passiert wäre außer er hat wirklich gesagt ich nehme mir in zwei Wochen das Leben. Normalerweis erfolgt das doch alles zeitnah von der Ankündigung bis zum Tod.

@BPhoenix
Nein das wäre dann unterlassene Hilfeleistung. Ein Selbstmord geschieht im Normfallfall wegen einem Psychischen Grund. Jetzt ist das so dass man einen Selbstmord versuch als eine Störung des Geisteszustandes auslegt und es ist somit eine Erkrankung. Bei versuchten Selbstmord wird man ja anschließend auch in eine Psychiatrie eingewiesen und das nicht gerade auf freiwilliger Basis.

5) Admin skoch schrieb am 27.2.2010 um 23:59 Uhr:

@Funatiker: Im Punkt Datenschutz. Ernsthaftigkeit halte ich für erwiesen, aber bei ca. 10.000 erwiesenen Suiziden pro Jahr (Dunkelziffer höher) halte ich es einfach für einen einzelnen Fall, der da nicht wirklich interessiert. Wichtiger wäre es, die Situation insgesamt zu verbessern, damit es gar nicht erst zu so vielen Versuchen und geglückten Suiziden kommt.

6) Parn schrieb am 28.2.2010 um 01:13 Uhr:

"Störung des Geisteszustandes" hin oder her: Für mich ist die erzwungene Hinderung eines Freitodes, bei dem niemand zu Schaden kommen würde ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Ich darf mit meinem Körper machen was ich will, und wenn ich nicht mehr leben will so sollte es mir auch erlaubt sein damit jederzeit aufzuhören.
Es sind zwei ganz verschiedene Dinge wenn ein Polizeipsychologe mit Megaphon versucht einen Suizidversuch zu verhindern und wenn ein Einsatzteam dies durch Festnahme versucht. Im ersten Fall liegt die letztendliche Entscheidung beim Täter, im zweiten hat er keine Wahl.

7) BPhoenix schrieb am 28.2.2010 um 02:50 Uhr:

Da muss ich Parn zustimmen, hinzu kommt, dass es eben soweit ich weis keine unterlassene Hilfeleistung ist, wenn man es zulässt, dass jemand versucht sich selbst zu töten sondern nur wenn der jenige sich dabei verletzt aber noch nicht sofort tot ist und man dann keine erste Hilfe leistet! Dennoch darf man soweit ich weis anfangs nicht eingreifen, wenn die Person sich töten will, erst wenn diese Person nicht mehr bei Bewusstsein ist (nicht mehr selber entscheiden kann) oder die Person die Hilfe wünscht!

Übrigends hat das mit dem Megafon auf dem Dach stehen überhaupt schon mal einer gesehen und ich meine jetzt nicht aus dem Fernsehen...
Ich glaube fast, dass wenn da jemand mit dem Megafon rumsteht das ganze erst recht verschlimmert wird, da dann die ganzen Leute in der Nähe her kommen um zu gaffen und der eigentlichen Person nun erst recht der Gedanke kommt, dass bei so vielen Menschen die da zuschauen es kein Zurück mehr gibt! Und da ich denke, dass kaum ein Polizist so blöd sein kann das dies eher dem als Film zuzuschreiben ist als dem realen Leben.

8) phantom schrieb am 28.2.2010 um 11:23 Uhr:

"Für mich ist die erzwungene Hinderung eines Freitodes, bei dem niemand zu Schaden kommen würde ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Ich darf mit meinem Körper machen was ich will, und wenn ich nicht mehr leben will so sollte es mir auch erlaubt sein damit jederzeit aufzuhören."

Dann sollte man es nicht vorher ankündigen und es still und heimlich machen, wenn man denn sein Leben ernsthaft beenden will. Wenn jemand sowas ankündigt, dann ist das möglicherweise ein letzter Hilferuf und wenn darauf nicht reagiert wird denkt sich der Betroffene vermutlich, dass es ja sowieso niemanden interessiert und setzt seinem Leben dann ein Ende. Ich seh das eben so, dass jemand der wirklich endgültig abschließen möchte, dies nicht unbedingt vorher ankündigt, was hat er denn davon?

9) Jurist schrieb am 09.3.2010 um 16:15 Uhr:

"Ich darf mit meinem Körper machen was ich will" - nein, darfst du nicht. Der Staat hat eine Fürsorgepflicht für seine Bürger, weswegen er dich in gewissen Grenzen an einer Selbsttötung hindern muss, genauso, wie er dir verbietet, Drogen zu nehmen, dir die Zigaretten teuer macht und dicke Warnungen draufklebt, damit du nicht so viel rauchst und so weiter. Wenn du zB schwer krank in einem Krankenhaus liegst, kannst du verfügen, dass an dir keine Reanimationsversuche gemacht werden, aber wenn du dich vergiftest, dann wird dir der Magen ausgepumpt, egal was du davon hältst - alles andere wäre unterlassene Hilfeleistung.