64 Pfund und ein Zertifikat zum Schutz von KindernGeht es nach der britischen Regierung, so soll sich in Zukunft jeder der dort ansässigen Bürger, bevor er sich regelmäßig um Kinder kümmern oder mit ihnen in Kontakt treten darf, ein Zertifikat darüber aushändigen lassen, dass er weder vorbestraft noch pädophil ist. Dies berichtet tagesschau.de und zitiert dabei den britischen Erziehungsminister Ed Balls: Wenn ein Erwachsener als freiwilliger Helfer bei einem Pfadfinderlager übers Wochenende dabei ist, dann wollen die Eltern sicher sein, dass dieser Mensch Kindern noch nie etwas getan hat. Wenn Eltern anderer Eltern Kinder zum Fußball mitnehmen, dann ist das okay. Aber wenn ein Elternteil sagt, ich übernehme den Transport regelmäßig, dann ist es wichtig für Eltern zu wissen, dass dieser Erwachsene nie verurteilt worden ist.
Ed Balls
Man sieht an diesem Zitat deutlich, wie weit die staatliche Kontrolle reichen soll: Es werden selbst Eltern eingeschlossen, die einen Fahrservice für andere Kinder engagieren, um gemeinsam am Vereinsleben partizipieren zu können. Regelmäßiger Kontakt mit Kindern ist dabei laut tagesschau.de als öfter „als einmal im Monat oder drei Tage hintereinander oder [als] eine Veranstaltung mit Übernachtung” definiert. Kommentar zum ThemaMit diesem Vorhaben erweitert die britische Regierung die bereits vorhandene exzessive staatliche Überwachung um eine weitere Stufe und dringt in die soziale Verhältnisse der Bürger ein. Das Gesetz soll Kinder schützen, schadet ihnen effektiv aber durch die Minimierung von sozialen Gefügen; eine Sozialisierung kann nur schwer stattfinden. Auf der anderen Seite könnte man argumentieren - vor allem wenn man an den horrenden Preis von anscheinend 64 Pfund (ca. 68€) denkt -, dass die britische Regierung lediglich einen Weg sucht, um die Staatskasse aufzufüllen. Allerdings sollte man ebenfalls bedenken, dass staatlichen Strukturen grundsätzlich alles zuwider läuft, was durch sie nicht kontrollierbar ist. Der staatliche Kontrollwahn kennt insofern keine Grenzen und wird auch an dieser Stelle nicht enden. Es geht den britischen Behörden zwar nicht um die Festigung bestimmter Ideologien, allerdings würde den Kindern durch eingeschränkte Möglichkeiten trotzdem erheblicher Schaden zugefügt. So gäbe es im einfachsten Falle weniger Sportvereine, weil sich nicht jeder Trainer eine Lizenz leisten kann. Eigene Eltern scheinen bei dem Entwurf übrigens nicht eingeschlossen. Dies ist zwar erst einmal logisch, zeigt allerdings auch die wichtigste Lücke in dem neuen Vorschlag, denn, wie wir wissen, findet Missbrauch häufig innerhalb der eigenen Familie statt.
Kommentare/Trackbacks lesen1) Funatiker schrieb am 12.10.2009 um 17:20 Uhr:
Ist das nicht Kinderprostitution, wenn man 64 Pfund zahlt, um zu Kindern Kontakt haben zu dürfen? | 2) DJH schrieb am 12.10.2009 um 22:52 Uhr:
Bei Prostitution zahlst du ja nicht für Kontakt, sondern für „speziellen Kontakt“ (den sie ja grad damit unterbinden wollen).
Aus meiner Sicht sage ich eigentlich genau das gleiche wie Stefan (= der Autor ^^): Die Briten schießen sich damit ins eigene Bein. Die haben ohnehin ein massives Problem mit Jugendkriminalität – wenn nun der ehrenamtlichen Jugendarbeit (und das ist der Großteil davon!) Steine in den Weg gelegt werden, gibt es einfach weniger Ehrenamtliche, damit weniger Jugendarbeit – und damit sind wieder mehr Kinder da, wo sie auf die schiefe Bahn kommen können, weil sich keiner ernsthaft mit ihnen und ihren Problemen beschäftigt.
Ich bin selber seit etlichen Jahren (7 oder 8) als Trainingsassistent ehrenamtlich in einem Sportverein tätig, und da ich keinen ÜL-Schein habe, bekomme ich nur gaaaanz selten eine Aufwandsentschädigung (ist bisher 1x vorgekommen), wenn eben grad noch ein Überschuss da ist. Müsste ich mir jetzt für teures Geld eine Nachrichtendienstliche Untersuchung über mich bestellen – ich würd drauf verzichten. Und ich denk viele denken da ähnlich.
Es kommt auch im ehrenamtlichen Bereich vereinzelt zu Übergriffen auf Kinder, wie man in der Presse immer wieder liest. Aber wenn man genau liest, stellt man fest, dass fast alle Täter vorher eine weiße Weste hatten. Zahlt also jemand die 64₤, und bekommt den „Persilschein“, wird sein Tun doch noch weniger hinterfragt! Stattdessen sollte man lieber da ansetzen, wo es wirklich hilft: Leute in der Jugendarbeit fördern und die Arbeit transparent gestalten, dass sich schwarze Schafe nicht verstecken können – bei uns läuft es z. B. so, dass die Eltern zu allen Veranstaltungen mit eingeladen sind, und auch jederzeit im Training zusehen können (und es sind immer ein paar dabei, denn bei manchen rentiert sich einfach das hin-zurück-hin-zurück fahren nicht). SOWAS schafft Vertrauen, und nicht ein Zettel, auf dem steht, dass man sich einer erkennungsdienstlichen Überprüfung unterzogen hat. Das Vorgehen auf der komischen Insel erinnert mich doch irgendwie sehr stark an unsere geplanten Stoppschilder: „Wir haben ja was gemacht.“
Und ich bin gespannt, wenn sich einige ehrenamtliche Helfer das Zertifikat nicht zulegen wollen, wie die dann als Kinderschänder durchs Dorf getrieben werden…
Und nochmal breite Zustimmung an Stefan: Bei den meisten Vorfällen sind Täter und Opfer in einer Familie. (24-Std CCTV-Überwachung von Risikofamilien… da war letztens doch mal auch so ne Idee im Umlauf bei den Insulanern)
Der Herr lässt Hirn regnen… und die Welt spannt die Schirme auf! | 3) ZCA schrieb am 13.10.2009 um 15:30 Uhr:
Ich lebe seit 11 Jahren in Schottland und halte im Prinzip von der Regelung nichts. Es würde Sinn machen, es auf gewerbliche Anbieter bzw die für ihre Arbeit bezahlt werden (Tagesmütter, Lehrer, Trainer, etc) zu beschränken. Meines Wissens ist die Bescheinigung für ehrenamtliche Helfer kostenlos, zumindest is das in Schottland der Fall. Allerdings findet der häufigste Kindermissbrauch im privaten Bereich statt, so daß das eh nicht erfaßt wird. | 4) skoch schrieb am 14.10.2009 um 17:09 Uhr:
Guter Artikel in der Süddeutschen: http://www.sueddeutsche.de/panorama/418/490791/text/
"Die Schuldvermutung liegt niedriger als bei einem ordentlichen Gericht, und es ist noch nicht einmal notwendig, das 14-seitige Formular auszufüllen, mit dem mutmaßliche Täter gemeldet werden. Die ISA kann auch auf Hinweise aus der Öffentlichkeit hin oder auf der Grundlage von Zeitungsberichten aktiv werden."
"Der mittlerweile pensionierte Kriminalkommissar Chris Stevenson, der die Soham-Ermittlungen [zwei 10-jährige Mädchen wurden ermordet, aufgrund dieses Falls wurde die Behörde installiert] leitete, sprach davon, dass die Gesellschaft "paranoid" geworden sei. Ihm selbst war kürzlich verboten worden, seinen neunjährigen Enkel bei einem Fußballspiel zu fotografieren. Bereits gemachte Aufnahmen musste er löschen. "Ich fühlte mich erniedrigt", erklärte er. "Ich werde jetzt verdächtigt, ein Kinderschänder zu sein, zusammen mit Millionen anderen Eltern und Großeltern." |
|